Lenormand wie Tarot deuten? Warum das ein Anfängerfehler ist
Wenn du bereits Tarotkarten legst und nun Lenormand lernen möchtest, bringst du etwas Wertvolles mit: Du hast Erfahrung darin, Karten anzuschauen, Zusammenhänge wahrzunehmen und einer Legung eine Bedeutung zu geben.
Trotzdem kann genau diese Erfahrung am Anfang auch zur kleinen Stolperfalle werden.
Denn Lenormandkarten funktionieren nicht einfach wie eine kleinere oder unkompliziertere Variante des Tarots. Die Bilder sind schlichter, die Symbole oft eindeutiger – und gerade deshalb verleiten sie dazu, Bekanntes aus dem Tarot auf sie zu übertragen.
Ein Fuchs wird dann vielleicht ähnlich ausführlich betrachtet wie eine Tarotkarte: Was löst das Bild in mir aus? Welche Stimmung vermittelt es? Welche persönliche Botschaft könnte dahinterstecken?
Beim Lenormand führt dieser Weg jedoch schnell von der eigentlichen Aussage der Karten weg.
Lenormand hat seine eigene Sprache. Und die wird wesentlich leichter, wenn du nicht versuchst, sie mit den Regeln einer anderen Kartensprache zu übersetzen.
Genau darum geht es in diesem zweiten Teil meiner kleinen Serie über typische Anfängerfehler beim Lenormandlernen.
Falls du den ersten Teil noch nicht kennst: Dort geht es um einen ganz anderen Stolperstein – nämlich darum, warum zu viele Bedeutungen, fertige Kombinationen und Auswendiglernen das Deuten unnötig schwer machen können.
→ Der größte Fehler beim Lenormand lernen – und wie du ihn vermeidest
Warum Tarot-Erfahrung beim Lenormand zunächst im Weg stehen kann
Tarotkarten enthalten meist eine ganze Bildszene. Figuren, Farben, Gegenstände, Körperhaltungen und zahlreiche weitere Details können bei der Betrachtung eine Rolle spielen. Dadurch gibt bereits eine einzelne Karte viel Material für Interpretation und persönliche Wahrnehmung.
Eine Lenormandkarte ist wesentlich reduzierter.
Der Brief ist zunächst ein Brief. Der Hund ein Hund, der Ring ein Ring und der Fuchs ein Fuchs. Natürlich besitzen diese Symbole unterschiedliche Bedeutungsebenen – aber du musst nicht aus jedem einzelnen Bildelement eine zusätzliche Botschaft herausholen.
Der eigentliche Reichtum entsteht beim Lenormand sehr häufig dadurch, was passiert, wenn diese klaren Symbole aufeinandertreffen.
Aus dem Brief allein kann beispielsweise eine Nachricht oder schriftliche Information werden. Liegt daneben der Ring, bekommt die Aussage einen konkreteren Zusammenhang: Eine Nachricht kann sich auf eine Vereinbarung, Bindung oder Beziehung beziehen.
Und genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied beim Lernen:
Du musst eine Lenormandkarte nicht immer tiefer und tiefer interpretieren. Du musst lernen, ihre Grundidee zu verstehen und sie anschließend sinnvoll mit den anderen Karten zu verbinden.
Das ist am Anfang ungewohnt – kann das Kartenlegen später aber enorm erleichtern.
36 Lenormandkarten und 78 Tarotkarten – schon der Aufbau ist verschieden
Der erste Unterschied ist kaum zu übersehen: Ein klassisches Lenormanddeck besteht aus 36 Karten, ein klassisches Tarotdeck aus 78 Karten.
Doch der Unterschied liegt nicht nur in der Menge.
Das Tarot besitzt eine feste Gliederung. Es besteht aus den 22 Karten der Großen Arkana und den 56 Karten der Kleinen Arkana. Innerhalb der Kleinen Arkana gibt es wiederum vier Farben mit Zahlen- und Hofkarten. Dadurch bringt das Tarot bereits durch seinen Aufbau verschiedene Ebenen und Strukturen mit.
Beim Lenormand ist das wesentlich kompakter.
Hier arbeitest du mit 36 Karten und sehr klar erkennbaren Motiven: Reiter, Klee, Schiff, Haus, Baum, Wolken, Schlange und so weiter. Es gibt keine Unterteilung in Große und Kleine Arkana und auch keine vergleichbare Einteilung in vier Kartenfarben, die du für die Deutung erst verstehen musst.
Das kann zunächst den Eindruck erwecken:
36 Karten statt 78 – Lenormand müsste also viel einfacher sein.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Denn beim Lenormand entsteht ein großer Teil der Aussage nicht dadurch, dass immer mehr Bedeutungsebenen in einer einzelnen Karte stecken. Stattdessen werden die 36 Karten miteinander verbunden. Eine Karte beeinflusst die nächste, Zusammenhänge entstehen und aus einzelnen Symbolen entwickelt sich eine konkrete Aussage.
Genau deshalb kann vorhandenes Tarotwissen beim Einstieg ins Lenormand sogar zu einer kleinen Stolperfalle werden: Man sieht eine einzelne Lenormandkarte und versucht, darin genauso viel zu entdecken und zu interpretieren, wie man es vom Tarot gewohnt ist.
Dabei verlangt das Lenormand an dieser Stelle etwas anderes.
Weniger in die einzelne Karte hineinlesen – dafür stärker darauf achten, was die Karten miteinander erzählen.
Was Tarot und Lenormand tatsächlich unterscheidet
Tarot und Lenormand können beide dabei helfen, eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Trotzdem arbeiten die beiden Kartensysteme unterschiedlich – und genau das sollte man beim Lernen berücksichtigen.
Beim Tarot erzählt häufig schon eine einzelne Karte eine kleine Geschichte.
Nehmen wir zum Beispiel die Zwei der Schwerter: Eine sitzende Person hält zwei gekreuzte Schwerter vor sich. Schon die Bildszene kann etwas von Abwägen, innerem Stillstand oder einer Entscheidung vermitteln, die noch nicht getroffen wurde. Bildsprache und Symbolik spielen deshalb beim Tarot eine große Rolle.
Beim Lenormand ist das anders.
Die Bilder sind wesentlich reduzierter. Eine Karte zeigt einen Fuchs, eine andere einen Schlüssel, einen Brief oder einen Baum. Das Symbol gibt zunächst eine überschaubare Grundidee vor. Wie konkret diese zu verstehen ist, ergibt sich häufig erst aus der Frage und den Karten, die damit verbunden sind.
Genau darin liegt eine der großen Stärken des Lenormand: Aus wenigen klaren Symbolen können sehr konkrete Aussagen entstehen.
Ein Beispiel: Der Fuchs bekommt Gesellschaft
Schauen wir uns den Fuchs an.
Zu seinen klassischen Grundthemen gehören unter anderem Vorsicht, Täuschung, etwas Falsches oder auch eine Situation, bei der genauer hingesehen werden sollte.
Nun legen wir eine zweite Karte dazu.
Fuchs + Brief
Plötzlich geht es nicht mehr nur allgemein um Vorsicht. Der Brief bringt das Thema Nachricht, Schriftstück oder Information hinzu. Je nach Fragestellung könnte die Kombination beispielsweise darauf aufmerksam machen, Angaben genauer zu prüfen oder einer schriftlichen Information nicht ungeprüft zu vertrauen.
Fuchs + Ring
Mit dem Ring verändert sich der Zusammenhang. Jetzt können eine Vereinbarung, eine Bindung oder – abhängig von der Frage – eine Beziehung in den Mittelpunkt rücken. Der Fuchs weist darauf hin, dass innerhalb dieses Zusammenhangs etwas nicht ganz stimmig sein könnte oder besondere Aufmerksamkeit verlangt.
Das bedeutet nicht, dass es für Fuchs + Brief oder Fuchs + Ring nur eine einzig richtige Übersetzung gibt.
Und genau hier schließt sich der Kreis zu Anfängerfehler Nr. 1: Fertige Kombinationen auswendig zu lernen löst das Problem nicht. Viel wichtiger ist zu verstehen, welchen Beitrag jede Karte zur gemeinsamen Aussage leistet.
So wird aus zwei gelernten Begriffen nach und nach eine verständliche Kartensprache.
Bedeutet das, dass Intuition beim Lenormand nichts zu suchen hat?
Nein. Und diese Unterscheidung ist mir wichtig.
Lenormand systematisch zu lernen bedeutet nicht, die eigene Wahrnehmung an der Tür abzugeben und anschließend nur noch Bedeutungslisten abzuarbeiten.
Intuition kann beim Deuten sehr hilfreich sein. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass die grundlegende Bedeutung einer Karte jedes Mal völlig neu erfunden wird.
Wenn du beim Fuchs heute Misstrauen erkennst, morgen ausschließlich beruflichen Erfolg und übermorgen eine neue Liebe, weil das Bild gerade dieses Gefühl in dir auslöst, fehlt irgendwann die gemeinsame Grundlage, auf der deine Deutung aufbaut.
Eine gute Lenormanddeutung verbindet deshalb beides:
Du kennst die Sprache der Karten – und innerhalb dieses Rahmens achtest du darauf, welche Bedeutung zur Frage, zu den umliegenden Karten und zur gesamten Legung passt.
Das ist ein großer Unterschied zu starrem Auswendiglernen.
Du sollst die Karten nicht mechanisch übersetzen. Du solltest verstehen, womit du arbeitest. Gerade dadurch entsteht später die Freiheit, eine Legung sicher und trotzdem individuell zu deuten.
Typische Tarot-Gewohnheiten, die beim Lenormand zur Stolperfalle werden
Wenn du schon länger mit Tarot arbeitest, hast du dir wahrscheinlich eine ganz bestimmte Art angewöhnt, Karten anzuschauen. Das ist zunächst etwas Positives. Schwierig wird es erst, wenn du automatisch davon ausgehst, dass dieselbe Vorgehensweise auch beim Lenormand funktioniert.
1. Zu viel Bedeutung in einzelne Bilddetails legen
Tarotkarten laden geradezu dazu ein, genauer hinzusehen. Farben, Figuren, Gegenstände, Blickrichtungen oder die Stimmung einer Szene können zusätzliche Gedanken anstoßen.
Bei Lenormandkarten kann diese Gewohnheit schnell zu viel des Guten werden.
Nehmen wir den Fuchs. Vielleicht wirkt der Fuchs auf deinem Kartendeck freundlich, auf einem anderen besonders listig oder auf einem dritten beinahe niedlich. Würdest du diese optischen Eindrücke stark gewichten, könnte dieselbe Lenormandkarte je nach Gestaltung des Decks plötzlich eine ganz andere Grundbedeutung bekommen.
Das wäre beim Lernen wenig hilfreich.
Die Illustration kann dir helfen, eine Karte wiederzuerkennen und einen persönlichen Zugang zu ihr zu finden. Sie sollte aber nicht jedes Mal ihre grundlegende Aussage neu bestimmen.
2. Eine einzelne Karte zu lange deuten
Eine weitere Gewohnheit aus dem Tarot kann darin bestehen, bereits bei einer einzelnen Karte sehr lange zu verweilen: Was sagt sie aus? Welche Ebene könnte noch darin stecken? Was fällt mir zusätzlich auf?
Beim Lenormand kann genau das dazu führen, dass du dir eine Deutung unnötig kompliziert machst.
Angenommen, du ziehst den Brief.
Du könntest nun lange überlegen, was dieser Brief alles bedeuten könnte. Oder du schaust auf die nächste Karte.
Liegt beispielsweise der Ring daneben, erhält der Brief sofort einen Zusammenhang. Plötzlich können eine Nachricht über eine Vereinbarung, ein Vertrag, eine verbindliche Mitteilung oder – passend zur gestellten Frage – Kommunikation innerhalb einer Beziehung interessant werden.
Du musst also nicht sämtliche Möglichkeiten aus dem Brief herausholen, bevor du weitergehst. Die anderen Karten helfen dir dabei, die passende Bedeutung einzugrenzen.
3. Spontane Intuition mit Kartenbedeutung verwechseln
Vielleicht schaust du auf eine Karte und hast unmittelbar ein bestimmtes Gefühl oder einen Gedanken dazu. Das darf selbstverständlich in deine Wahrnehmung einfließen.
Problematisch wird es nur, wenn dieser spontane Eindruck die eigentliche Kartenbedeutung vollständig ersetzt.
Beim Lenormand gibt dir das gelernte Bedeutungsspektrum einen Rahmen. Frage, Position und umliegende Karten helfen anschließend dabei, innerhalb dieses Rahmens die passende Aussage zu finden.
Das schränkt Intuition nicht ein. Im Gegenteil: Du musst nicht jedes Mal bei null anfangen.
Du hast eine Grundlage – und kannst von dort aus sehen, was in genau dieser Legung wichtig ist.
Tarotwissen vergessen? Bitte nicht.
Das wäre nun die falsche Schlussfolgerung.
Wenn du Tarot bereits sicher deutest, bringst du einiges mit, das dir auch beim Lenormand helfen kann: Erfahrung mit Fragestellungen, ein Gefühl für Zusammenhänge und wahrscheinlich auch die Fähigkeit, ein Kartenbild nicht nur als Ansammlung einzelner Karten wahrzunehmen.
Du musst dein Tarotwissen also nicht loswerden.
Du solltest lediglich unterscheiden können, welche Gewohnheiten zum Tarot gehören und welche Regeln das Lenormand mitbringt.
Oder ganz einfach gesagt:
Lass Tarot Tarot sein und Lenormand Lenormand.
Beide Systeme müssen nicht gleich funktionieren, damit beide auf ihre eigene Weise spannend sein können.
So gelingt der Wechsel vom Tarot zum Lenormand leichter
Wenn du Tarot bereits kennst, musst du beim Lenormand nicht wieder bei null anfangen. Hilfreicher ist es, dir bewusst zu machen, dass du gerade eine neue Kartensprache lernst.
Für den Einstieg helfen drei einfache Gedanken:
Lerne zuerst die Lenormandkarten als Lenormandkarten kennen.
Versuche nicht sofort, Ähnlichkeiten zu Tarotkarten zu suchen. Auch wenn dich beispielsweise eine Lenormandkarte spontan an eine bestimmte Tarotkarte erinnert, müssen beide deshalb noch lange nicht dieselbe Aufgabe oder Bedeutung haben.
Bleibe zunächst bei der klaren Grundidee einer Karte.
Du musst in einem Symbol nicht möglichst viele Ebenen entdecken. Wenn du die Grundbedeutung sicher kennst, kannst du anschließend wesentlich leichter erkennen, welche davon im Zusammenspiel mit anderen Karten und zur jeweiligen Frage passt.
Beobachte deine alten Gewohnheiten.
Wenn du dich dabei ertappst, eine einzelne Lenormandkarte minutenlang zu analysieren, jedes Bilddetail einzubeziehen oder spontan eine völlig neue Bedeutung zu entwickeln, halte kurz inne. Frage dich: Deute ich gerade tatsächlich Lenormand – oder wende ich unbewusst meine Tarot-Gewohnheiten an?
Gerade diese kleine Selbstkontrolle kann am Anfang erstaunlich hilfreich sein.
Du musst dich also nicht zwischen Tarot und Lenormand entscheiden. Du darfst mit beiden Systemen arbeiten und beide mögen. Entscheidend ist lediglich, dass jedes zunächst seine eigene Sprache behalten darf.
Lenormand lernen – ohne Tarot und Lenormand miteinander zu vermischen
Wenn du Lenormand von Grund auf als eigenes Kartensystem kennenlernen möchtest, führt dich mein Online-Kurs Schritt für Schritt durch die Karten und ihre Zusammenhänge.
Du lernst nicht nur einzelne Bedeutungen, sondern vor allem, wie daraus nachvollziehbare Deutungen entstehen – vom Einstieg bis zu größeren Kartenbildern.
Fazit: Vorwissen nutzen, ohne es zu übertragen
Wenn du bereits Tarot legst, startest du beim Lenormand nicht bei null. Du bringst Erfahrung im Umgang mit Karten mit – und das ist ein Vorteil.
Entscheidend ist nur, dem neuen Kartensystem zunächst die Chance zu geben, es auf seine eigene Weise kennenzulernen. Je früher du bemerkst, welche vertrauten Gewohnheiten du automatisch übernimmst, desto leichter kannst du unterscheiden, was dir tatsächlich hilft und was dich beim Lernen eher ausbremst.
Mit der Zeit wird diese Trennung ganz selbstverständlich. Du musst dann nicht mehr darüber nachdenken, welches Wissen wohin gehört – du erkennst einfach, mit welchem System du gerade arbeitest.